Ricœur, Macron und Europa

Anmerkungen zu Paul Ricœur, La mémoire, l`histoire, l`oubli, Éditions du Seuil, Paris, 2000

Gedächtnis, Geschichte, Vergessen, übersetzt aus dem Französischen von Hans-Dieter Gondek, Heinz Jatho und Markus Sedlaczek, 2004, München, 776 Seiten.

Ricœur spricht im Vorwort seines Alterswerkes von drei Motiven, die sein Buch bestimmen, sie seien privater, fachlicher und öffentlicher Natur.  Für uns besteht die Bedeutung des öffentlichen Aspekts in dem subtilen Verständnis von Geschichte, die sie vermittelt. Es beleuchtet die gegenwärtige französische Politik, speziell Macrons Anspruch eine neue Epoche zu begründen. Sein Dank gilt im Vorwort des Buches namentlich nur denen, „. . . die neben ihrer Freundschaft auch ihre Kompetenz mit mir geteilt haben . . .“, (S. 15) Emmanuel Macron befindet sich unter ihnen. Ihm verdanke Ricœur eine fundierte Kritik des Stils und die Gestaltung des kritischen Apparats. (vgl. S. 18)

Die Politik der Fußnote, die Macron demnach begleitete, und die von den deutschen Übersetzern, noch für zusätzliche Anmerkungen, aufgegriffen wurde, ersetzt den Hypertext des Anhangs, der auf ein Personenregister reduziert ist. Diese extrem zurückhaltende Gestaltung des kritischen Apparats favorisiert eindeutig den Leser, der sich noch der Mühe des Lesens unterzieht. Der Stil ist klar, ausführlich und altmodisch Ricœur zitiert nie um des Zitierens willens. Die zitierten Werke sind nur im Innern des Texts und in den, oft großzügig angelegten Fußnoten zugänglich.

Zwischen der Kunst des Erinnerns und der Kunst des Vergessens, zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis (Maurice Habwachs, Das kollektive Gedächtnis, Stuttgart, 1967; La mémoire collective, 1939, Paris: Presses Universitaires de France, 1950), zwischen der zeitlichen und räumlichen Repräsentation der Geschichte, zwischen dem staatlich verordneten Gebrauch und Missbrauch von Erinnern und Vergessen (Frances A. Yates: The Art of Memory. London 1966; dt: Gedächtnis und Erinnern. Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare, Berlin, 2001;  Harald Weinrich: Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens, München, 1997 und Marc Augé, Les formes de l`oubli, Paris, 1998), zwischen diversen Arten der Schuld und Möglichkeiten der Vergebung und zwischen Binden und Entbinden (Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, Stuttgart, 1960) um nur einige der zentralen Spannungsfelder des Buchs zu nennen, entfaltet Ricœur seine Phänomenologie des Gedächtnisses. Für den deutschen Leser, steht die Frage nach der ererbten Schuld und dem Holocaust, ständig im Raum, im Verlauf der Lektüre wird sie zunehmend brisanter und erst im Epilog explizit. Im Gedenken an Maurice Halbwachs Tod, der 1945 in Buchenwald ermordet wurde, wo er gemeinsam mit Jorge Semprun inhaftiert war, taucht sie jedoch einmal im ersten Teil, der vom Gedächtnis und Erinnern handelt, auf.

„… ist man in dieser Hinsicht nicht etwas zu weit gegangen im Kampf gegen das `Auswendiglernen´? Glücklich, wer heute noch einem Sterbenden Verse Baudelaires ins Ohr flüstern kann, wie Jorge Semprun es vor Mauice Halbwachs` Ermordung tat: „Ô mort, vieux capitaine, il est temps, levons Lancre (…) nos soers que tu connais sont rempli de rayons ….“   (S. 101)

(„O Tod, alter Kapitän, es ist Zeit! Lass uns die Anker lichten (…) unsere Herzen, die du kennst, sind voller Strahlen“) Beide waren im KZ Buchenwald inhaftiert, wo Halbwachs Anfang 1945 ermordet worden war. An dieser Textstelle lässt Ricœur beim Leser eine Ahnung von der abgründig existenziellen und intellektuellen Intensität aufkommen, mit der er sich ein Glück des Erinnerns denkt. Gegen Ende des Epilogs Schwierige Vergebung, spricht er von dem Eingeständnis in die Asymmetrie zwischen dem Erinnern und dem Vergessen. Sie führe dazu, dass nicht vom Glück des Vergessens gesprochen werden kann. Diese Asymmetrie bestehe darin, dass sich das Vergessen, in sich, in ein auslöschendes und ein verwahrendes Vergessen aufspaltet. Das verwahrende Vergessen leiste demnach eine Trauerarbeit, die einer Bestattungszeremonie ähnle, die ein Andenken am Grab jederzeit biete. Das Eingeständnis dieser irreduziblen Zweideutigkeit bilde, laut Ricœur, das wertvollste und geheimste Kennzeichen der Vergebung. (vgl. S. 773)

„Worin bestünde das Kennzeichen der Vergebung in diesem Eingeständnis? Es würde – negativ formuliert – darin bestehen, die Ohnmacht der Reflexion und der Spekulation an die Spitze der Liste all jener Dinge zu setzen, auf die man verzichten muss, an die Spitze des Nichtwiedergutzumachenden, sowie – positiv formuliert – darin, diesen Wissensverzicht den kleinen Freuden des glücklichen Gedächtnisses zuzuordnen, wenn die Barriere des Vergessens um einige Stufen zurückverlegt wird.“ (S. 773)

Um zu sehen, wie intellektuell und mit welchem Pathos, Ricœur bei seiner Verortung (und Verortung ist hier im wahrsten Sinne des Wortes gemeint und unlösbar mit der von Simonides begründete Mnemotechnik geknüpft) der Geschichte vorgeht, ist die Lektüre von „Gedächtnis, Geschichte, Vergessen“ auch 17 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung wärmstens zu empfehlen. Als Mentor Emmanuel Macrons hat er mit dem Buch eine unüberwindliche Aktualität für diejenigen geschaffen, die Macron zuhören und antworten, wenn er von der Zukunft Europas spricht und von der deutsch-französischen Geschichte. Nebenbei: denjenigen, die dem französischen Präsidenten vorwerfen, er sei zu theoretisch, ist, im Kontrast zu dessen amerikanischen Kollegen, wohl zuzustimmen.

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